Neuroborreliose

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Georg Dirnberger

Dr. Georg Dirnberger

Priv.-Doz. Mag. Dr. Georg Dirnberger Facharzt für Neurologie & Psychologe

Was ist Neuroborreliose?

Neuroborreliose (Lyme-Borreliose) ist eine bakterielle, durch Spirochäten (schraubig gedrehte Bakterien) der Art Borrelia burgdorferi oder verwandte Arten verursachte Infektion des Nervensystems. Diese Erreger werden in Europa überwiegend durch Zecken übertragen, sehr selten durch fliegende Insekten wie z.B. Stechmücken. Die Neuroborreliose ist in Europa die häufigste bakterielle Entzündung des Nervensystems.

Die Borreliose ist eine systemische Erkrankung, die verschiedene Organsysteme betreffen kann. Eine Erstmanifestation ist häufig an der Haut nahe dem Einstich in Form einer ringförmigen Rötung zu sehen (Erythema migrans). Da der Erreger nach dem Stich über das Blut im Körper verteilt wird, kann er im weiteren Verlauf das periphere und zentrale Nervensystem, Gelenke und das Herz befallen.

Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt beim Nervensystem. Manifestationen an anderen Organsystemen werden hier nicht weiter besprochen.

Wie zeigt sich Neuroborreliose?

Man unterscheidet frühe und späte Neuroborreliose.

Frühe Neuroborreliose

Etwa 15 % der Infizierten entwickeln etliche Wochen bis wenige Monate nach Infektion brennende oder stechende, radikuläre (von jeweils derselben Nervenwurzel ausgehende) Schmerzen in wechselnder Lokalisation (Bannwarth-Syndrom, Meningoradikuloneuritis). Der Schmerz ist nachts besonders schlimm und spricht kaum auf herkömmliche Schmerzmedikamente an. Viele dieser Patienten entwickeln nach 1-4 Wochen weitere neurologische Ausfälle:

  • Kopfschmerzen, Nackensteife
  • Hirnnervenlähmungen (meist die Mimik, seltener z.B. Augenmuskel betreffend)
  • Lähmungen an Armen oder Beinen

Späte Neuroborreliose

Nur bei wenigen Prozent der Infizierten kommt es Monate bis Jahre nach Infektion zu einer Beteiligung von Gehirn und Rückenmark. Dies kann je nach betroffenem Abschnitt zu vielfältigen Symptomen führen:

Sehr selten kann es bei der späten Neuroborreliose auch zu epileptischen Anfällen, einem organischem Psychosyndrom oder Halluzinationen kommen.

Die frühe Neuroborreliose geht meist mit akuten schweren Krankheitszeichen einher. Eine späte Neuroborreliose verläuft meist schleichend.

Wer ist von Neuroborreliose betroffen?

Etwa 5–15 % aller Patienten mit Lyme-Borreliose entwickeln neurologische Manifestationen. Kinder im Schulalter und Erwachsene zwischen 50 und 70 Jahren sind besonders häufig betroffen.

Kindern erkranken häufiger an früher Neuroborreliose mit einer Lähmung der Gesichtsnerven (Fazialisparese) und Infektion der Gehirnhäute (Meningitis).

Erwachsene zeigen meist eine Meningoradikuloneuritis die oft mit einer Gesichtslähmung (Fazialisparese) kombiniert ist, und entwickeln eher das Gehirn oder Rückenmark betreffende späte Infektionen wie Enzephalomyelitis oder Myelitis.

Diagnose der Neuroborreliose

Die Diagnosestellung einer Neuroborreliose ist häufig anspruchsvoll, mitunter kann sie nur auf Basis einer Lumbalpunktion (Nervenwasseruntersuchung) gesichert werden. In die Diagnosestellung fließen folgende Kriterien ein:

  • neurologische und nicht-neurologische Beschwerden
  • deren Dauer
  • eine Übertritt bestimmter weißer Blutkörperchen in den Liquor (Nervenwasser)
  • das Vorliegen spezifischer Antikörpern in Liquor (Nervenwasser) und Blut

Antikörpertest erlaubt einen sensiblen und spezifischen Nachweis einer Neuroborreliose: Ist die Konzentration bestimmter Antikörpern im Liquor mehr als 50% höher als jene im Blut, so kann von einer Ausdehnung der Infektion auf Gehirn und/oder Rückenmark ausgegangen werden.

Ein Antikörpernachweis im Blut allein ist nicht ausreichend, da hierzulande sehr viele Menschen – oft unwissentlich – Kontakt mit dem Erreger hatten und in der Folge Antikörper entwickelten, den Erreger i.R. ihrer körpereigenen Immunantwort dann aber restlos besiegt haben. Die Antikörper sind im Blut trotzdem oft noch Jahre nachweisbar.

Therapie der Neuroborreliose

Die Behandlung zielt auf das Abtöten aller im Körper befindlicher Borrelien ab. Hierzu sind bei Neuroborreliose nur wenige Antibiotika in der Lage. Auswahl und Dauer der Antibiotikatherapie richten sich danach, welche genauen Beschwerden vorliegen, ob es sich um eine frühe oder späte Neuroborreliose handelt, und ob zum ersten Mal oder nach vorangegangener Therapie.

Bei früher Neuroborreliose werden Antibiotika im Regelfall für 14 Tage gegeben, bei später Neuroborreliose meist 14 bis 21 Tage lang.

Prognose der Neuroborreliose

Die Prognose ist bei frühzeitiger Therapie sehr gut. Kognitive Defizite, Schmerz, Lähmungen, Tremor und andere Beschwerden bilden sich meist innerhalb weniger Wochen zurück. Rezidive sind selten.

Persistierender Schmerz nach abgeschlossener Antibiotika-Behandlung (Post-Lyme-Syndrom) treten häufiger nach spätem Therapiebeginn auf und beruhen – da alle Borrelien abgetötet wurden – nicht auf einer weiter aktiven Infektion, sondern auf funktionellen oder immunologischen Mechanismen.

Ist Vorbeugung möglich?

Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Borreliose sind einerseits die Vermeidung von Zeckenstichen (Expositionsreduktion) durch hautbedeckende Kleidung, hoch schließende Schuhe und Abwehrmittel (Geruchs-Repellents), andererseits das Ausklopfen der Kleidung und Absuchen des Körpers nach Exposition. Leider sind all diese Maßnahmen lückenhaft, viele Zeckenstiche werden auch bei größter Sorgfalt übersehen.

Gibt es eine Impfung?

Derzeit ist kein Borreliose-Impfstoff für Menschen auf dem Markt zugelassen. Ein vielversprechender Kandidat namens VLA15 befindet sich jedoch in Erprobung. Geimpfte Personen bilden – so das Konzept – Antikörper gegen ein Oberflächenprotein der relevanten Borrelien-Spezies. Diese menschlichen Antikörper werden von der Zecke i.R. ihrer Blutmahlzeit eingesaugt und töten dann im Darm der Zecke alle Borrelien noch bevor sie auf den Menschen übertragen werden können.

Leider sind noch weitere Prüfungen erforderlich, bevor dieser Impfstoff hoffentlich zugelassen werden kann.

Zwei Fälle aus meiner neurologischen Praxis

Patient mit zitternden Händen

Vor einigen Jahren kam ein 75-jährigen Patient zur Abklärung eines linksbetonten Haltetremors beider Hände zu mir: Seine Hände hätten vor zwei Jahren zu zittern begonnen, mittlerweile fiele das in Gesellschaft unangenehm auf. So wäre es beim zum-Mund-Führen eines Glases schwierig geworden, das Getränk nicht zu verschütten. Zudem bemerkte er auf Nachfrage Probleme mit seiner Konzentrationsfähigkeit.

In der neurologischen Untersuchung zeigte sich ein Halte- und Intentionstremor beider Arme (d.h. zwei unabhängige Tremorformen: Zittern bei ruhig gehaltenen Händen, und verstärktes Zittern bei Zielbewegungen knapp vor Erreichen des Ziels), ein erhöhter Muskeltonus (unwillkürliche Muskelanspannung) sowie positive Pyramidenbahnzeichen – letztere ein neurologisches Alarmzeichen, das mangelnde Kontrolle des Gehirns oder oberen Rückenmarks über darunterliegende Nervenstrukturen beweist. Nachdem eine Bildgebung des Gehirns, elektrophysiologische Untersuchungen und Blutbefunde bis auf eine positive Borrelien-Serologie unauffällig waren, habe ich den Patienten zur Lumbalpunktion an eine neurologische Ambulanz überwiesen.

Wenige Wochen später rief mich der Primar der Neurologie an: Der Patient hatte nicht bloß an einer „gewöhnlichen“ Neuroborreliose gelitten, nach der Lumbalpunktion durchgeführte ergänzende Untersuchungen hatten darüber hinaus eine höchst seltene Borrelien-Infektion auch des Rückenmarks im Halsbereich (Myelitis transversa) gezeigt. Der Patient musste für einen Monat stationär behandelt werden. Die sofort eingeleitete intravenöse Antibiotika-Therapie war schließlich erfolgreich gewesen – doch gerade noch. Ein wenig später, so der Primar, und der Patient wäre vermutlich verstorben.

Zum Glück besserten sich nach abgeschlossener Therapie die Konzentrationsfähigkeit und das Zittern des Patient deutlich, wenn auch nicht vollständig.

Patient mit Vergesslichkeit

Ein weiterer Patient kam wegen Stimmungseinbrüchen und progredienter Vergesslichkeit zu mir. Auf Nachfrage erwähnte er außerdem ein bloß gelegentlich bemerkbares Zittern der Hände und eine gelegentliche „Sehstörung“, weswegen ihn ein Augenarzt jüngst an eine Schielambulanz zugewiesen hätte. Neurologisch deutet Letzteres auf eine latente Lähmung der Augenmuskel hin.

In der neurologischen Untersuchung bestätigte sich ein geringer Haltetremor der Hände, weiter fanden sich eine manuelle Ungeschicklichkeit, tendenziell positive Pyramidenbahnzeichen links (siehe oben) sowie eine ebenfalls linksseitige verminderte Berührungssensibilität an Armen und Beinen. Eine Bildgebung des Gehirns zeigte Auffälligkeiten im Marklager und Pons (einem Teil des Hirnstamms) welche die Beschwerden und Untersuchungsergebnisse freilich nicht erklären konnten; weiterführende elektrophysiologische Untersuchungen und Bluttests waren bis auf eine erhöhte Borrelienserologie alle unauffällig.

Eine Lumbalpunktion war daher erforderlich und konnte schließlich eine Neuroborreliose beweisen. Da dieser Patient vor Jahren bereits eine Borrelien-Therapie in Tablettenform erhalten hatte (an die er sich freilich erst beim 3. Besuch vage erinnerte), war nun jedenfalls eine länger dauernde intravenöse Antibiotika-Therapie mit einem anderen Wirkstoff angezeigt.

Erfreulicherweise besserten sich Vergesslichkeit und Sehstörung auch bei diesem Patienten in den Monaten nach der Therapie deutlich.

Häufig gestellte Fragen

  • Was ist Neuroborreliose?

    Die Neuroborreliose ist eine Verlaufsform der Lyme-Borreliose. Sie entwickelt sich, wenn sich Borrelien-Bakterien im Körper ausbreiten und dabei Gehirn, Rückenmark oder Nervenbahnen befallen.

  • Wie entsteht Neuroborreliose?

    Neuroborreliose entsteht, wenn sich Borrelia burgdorferi-Bakterien nach dem Stich einer infizierten Zecke im Körper ausbreiten und das Nervensystem (Gehirn, Rückenmark, Nervenwurzeln) befallen. Die Bakterien gelangen über die Blutbahn oder periphere Nervenbahnen ins Nervengewebe, was Wochen bis Monate dauert.

  • Sind an Borreliose Erkrankte für andere Menschen ansteckend?

    Nein, an Borreliose erkrankte Menschen können andere Menschen nicht mit Borreliose infizieren.

  • Welche Symptome sind für Neuroborreliose typisch?

    Oft treten brennende Nervenschmerzen (häufig in der Nacht), Lähmungen der Mimik (Facialisparese, auch beidseitig) oder der Augenmuskel, Taubheitsgefühle, Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit auf. Bei Kindern ist eine Hirnhautentzündung (Meningitis) häufig.

  • Wie häufig ist Neuroborreliose?

    Neuroborreliose ist eine seltene Erkrankung. Die jährliche Inzidenz liegt bei etwa 3–10 Fällen pro 100.000 Einwohner.

  • Wie wird die Diagnose Neuroborreliose erstellt?

    Die Diagnose Neuroborreliose wird durch eine Kombination aus klinischen Beschwerden, Laboruntersuchungen des Blutes und – entscheidend für die Sicherung – des Nervenwassers (Liquor) gestellt.

  • Ist Neuroborreliose heilbar?

    Ja, Neuroborreliose ist durch Antibiotika gut heilbar. Bei rechtzeitiger Behandlung werden die meisten Patienten beschwerdefrei.

  • Was geschieht, wenn Neuroborreliose unbehandelt bleibt?

    Bei unbehandelter Neuroborreliose kommt es im weiterem Verlauf zu Vergesslichkeit, variablen psychiatrischen Symptomen, Kopfschmerz, Lähmungen, Tremor, Schmerz und anderen Sensibilitätsstörungen. Selten wurden auch epileptische Anfälle beobachtet. Eine un­be­han­del­te Borre­lio­se kann im schlimmsten Fall tödlich ver­lau­fen.

  • Ist man nach einer durchgemachten Infektion mit Lyme-Borreliose immun?

    Leider nein. Eine durchgemachte Lyme-Borreliose stellt keinen Schutz gegen eine erneute Infektion dar.

  • Was ist der Unterschied zwischen Borreliose und FSME?

    Borreliose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) ist eine virale Infektionskrankheit. FSME wird freilich ebenso wie Borreliose durch Zeckenstiche übertragen.

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