Panikattacken sind plötzlich auftretende, intensive Angstanfälle ohne unmittelbar auslösende Gefahr, die mit Herzrasen, Atemnot oder Schwindel einhergehen und meist nur Minuten andauern. Panikattacken sind durch Psychotherapie oder spezielle Medikamente gut behandelbar, wobei das Verständnis der Attacken den Patienten hilft.
Was sind Panikattacken?
Panikattacken sind kurze Phasen anlassloser extremer Angst, die meist in unregelmäßigen Abständen wiederkehren. Die Panik verändert die Wahrnehmung der Patienten, es kommt u.a. zu Derealisierung — einem Gefühl der Entfremdung von der Umgebung. Zudem sind Panikattacke von folgenden Symptomen begleitet:
- Schmerz bzw. Druck in der Brust
- Gefühl des Erstickens
- Herzklopfen
- Schwindel oder Ohnmacht
- Hitzewallungen oder Schüttelfrost
- Taubheitsgefühle oder Kribbeln
- Zittern oder Schütteln
- vermehrtes Schwitzen
- Übelkeit oder Durchfall
Da Panikattacken mit großem Leid verbunden sind, reagieren Betroffene typischerweise mit permanenten Verhaltensänderungen, um Situationen zu vermieden die einen Anfall auslösen könnten.
Wie kommt es zu Panikattacken?
Ausgelöst und aufrechterhalten werden Panikattacken meist von automatischen gedanklichen Fehlinterpretationen körperlicher Wahrnehmungen und damit verknüpften Emotionen.
Beispielsweise kann sich eine Person – ausgelöst durch den Tod eines nahestehenden Menschen an einem Herzinfarkt – große Sorgen betreffend Herzerkrankungen machen und viel Zeit damit verbringen, den eigenen Körper auf Anzeichen eines Herzinfarkts zu untersuchen. Beruhigende, gesunde Körperwahrnehmungen werden dabei nicht beachtet, selbst bzw. gerade wenn sie überwiegen. So führt die kleinste Missempfindung in der Brust zu einem Denkzyklus der aus einer Maus eine Elefanten macht und schnell zu der fälschlichen Annahme führt, selbst gerade einen Herzinfarkt zu erleiden.
Bei Panikattacken sind Wahrnehmungen und deren Interpretation verzerrt und mit extremen Emotionen verbunden. Das erklärt, weshalb Psychotherapie gut geeignet ist, diese pathologischen Denkmuster zu erkennen und dann dauerhaft zu vermeiden.
Wie häufig sind Panikattacken?
Panikattacken sind häufig und kommen pro Jahr bei ca. 10 Prozent der Erwachsenen vor. Die meisten Menschen erholen sich von einer Panikattacke ohne Behandlung. Vereinzelte Panikattacken im Leben stellen noch keine Erkrankung dar.
Einige Menschen entwickeln freilich wiederkehrende, schwere Panikanfälle. Wenn mehrere Attacken im Monat auftreten und das alltägliche Leben beeinträchtigt ist, spricht man von einer Panikstörung. Etwa drei Prozent der Erwachsenen leidet an einer solchen Panikstörung.
Wer ist betroffen?
Panikattacken sind oft mit anderen Angststörung oder psychischen Erkrankung verbunden, seltener können sie i.R. körperlicher Erkrankungen der Schilddrüse, des Herzens, der Nebennieren oder bei mancher Tumorerkrankungen auftreten und müssen dann anders behandelt werden.
Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Menschen entwickeln oftmals dann Angststörungen, wenn sich ihre Lebensumstände negativ verändern. Das kann eine Trennung sein, die Diagnose einer schweren anderen Erkrankung, der plötzliche Tod eines nahen Angehörigen oder der Verlust des Arbeitsplatzes.
Wie werden Panikattacken diagnostiziert?
Panikattacken sind eine Ausschlussdiagnose.
Da niemand in die Seele der Betroffenen blicken kann, müssen zuerst zahlreiche körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden, bevor die innerpsychische, seelische Ursache feststeht. Hierzu sind ergänzend zur neurologischen Abklärung Untersuchungen der Herzfunktion, des Blutes und je nach Symptomatik weiterer Organsysteme nötig. Nur wenn all diese körperlichen Ursachen mit Sicherheit nicht vorliegen, kann die Diagnose Panikattacken gestellt werden.
Behandlung von Panikattacken
Panikattacken sind gut behandelbar. Bei den meisten Patienten ist bei rechtzeitiger Behandlung die Prognose gut, die Symptome verbessern sich massiv oder verschwinden ganz. Sehr leichte oder seltene Panikattacken lassen sich durch folgende Maßnahmen oft selbst kupieren:
- möglichst ruhig bleiben
- sich wiederholen: eine Panikattacke vergeht wieder
- langsam atmen
- auf nicht angstauslösende Themen konzentrieren
Kurzfristig kann man Panikattacken durch diese Maßnahmen begegnen, diese greifen bei wiederholtem Auftreten aber zu kurz. Im Übrigen stehen folgende Therapien zur Verfügung:
Psychotherapie
Psychotherapie kann bei vielen seelischen Problemen gut helfen, auch bei Panikattacken. Je nach Methode wird auf Gedanken und Gefühle der Betroffenen in verschiedener Weise eingegangen, wird entweder nur das unmittelbare Hier und Jetzt oder auch eine vielleicht auslösende Vergangenheit aufgerollt. Alle Ansätzen haben gemeinsam, ein tieferes Verständnis der seelischen Vorgänge erreichen zu wollen das Betroffene letztlich in die Lage versetzt, ein weiteres Auftreten zu verhindern.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie der Panikattacken basiert in erster Linie auf Antidepressiva zur langfristigen Behandlung und Benzodiazepinen zur kurzfristigen Hilfe. Eine Reihe weiterer Medikamente kann für spezielle Formen oder Bedürfnisse herangezogen werden. Bei sehr leichten Formen ist eine Therapie mit pflanzlichen Wirkstoffen möglich.
Folgen und Komplikationen
Nach wiederholten Panikattacken entwickeln die meisten Patienten ein Vermeidungsverhalten: Situationen oder Orte, an denen in der Vergangenheit Panik auftrat (z. B. Kino, Straßenbahn) werden gemieden. Im Extremfall verlassen Betroffene das Haus nicht mehr.
Langfristig führen unbehandelte Panikstörungen häufig zu Depression, Schlafstörungen und sozialem Rückzug. Beständige Furcht vor der nächsten Attacke kann zu erheblichen Problemen am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Partnerschaft führen. Es besteht ferner das Risiko, drohende Panik durch Alkohol, Medikamente oder Drogen zu dämpfen.
Panikattacken in meiner neurologischen Praxis
Mitgefühl
Ein 35-jähriger Patient, von Beruf Apotheker, konsultierte mich wegen seit einigen Jahren bestehender innere Unruhe, Nervosität, Panikattacken und Traurigkeit. Große Sorgen bereitete ihm eine Krebserkrankung seiner Partnerin, die Eröffnung einer eigenen Apotheke hatte deshalb auf unbestimmte Zeit verschoben werden müssen. In der Familienanamnese fiel auf, dass auch beide Eltern des Patienten an Krebs erkrankt waren. Eine schon begonnene Psychotherapie hatte der Patient abgebrochen.
In der Exploration bestätigte sich Angst und eine depressive Verstimmung, neurologisch zeigte sich ein unauffälliger Befund. Alle organischen Hilfsuntersuchungen zeigten ebenfalls keine pathologischen Ergebnisse.
Wesentliche Ursache war hier die schwere Erkrankung der Partnerin, weshalb ich die Belastung des Patienten rasch durch Teilnahme an Selbsthilfegruppen für Angehörige und andere Unterstützungsangebote zu reduzieren suchte. In ausführlichen Gesprächen konnten die persönlichen Ziele einer Psychotherapie herausgearbeitet werden. Nach ergänzender Beratung zu verschiedenen Formen dieser Therapie begann der Patient erneut eine solche – die für ihn passende konnte er nun leichter finden. Nach wenigen Monaten zeitigten diese Maßnahmen erste Erfolge, die sich im weiteren Verlauf festigten. Der Patient wollte von Anfang an keine medikamentöse Therapie.
Ein junger Frau mit „Anfällen“
Vor einigen Jahren kam eine junge Frau zu mir, um eine zweite Meinung einzuholen. Seit ihrem Teenager-Alter werde ihr mitunter plötzlich anlasslos übel, sie spürte ihr Herz pochen, beginne stark zu schwitzen und mit beiden Händen zu zittern. Sie wäre dann manchmal „nicht ganz da“, ein eindeutiger Bewusstseinsverlust war freilich nicht zu erheben. Wenn diese „Anfälle“ im Beisein ihrer Familie auftaten, ließen sie Familienmitglieder kaltes Wasser trinken, das helfe manchmal. In ihrem Heimatland wären etliche EEGs aufgezeichnet worden, obwohl keines davon eindeutige epileptische Potentiale gezeigt habe war letztlich die Diagnose Epilepsie gestellt und eine antikonvulsive (antiepileptische) Dauertherapie eingeleitet worden, die sie – mit mäßigem Erfolg – bis heute einnehme. Bei dennoch weiter auftretenden Anfällen nehme sie außerdem andere Tabletten ein die immer sehr gut helfen aber müde machten.
Während die neurologische Untersuchung unauffällig war, zeigten sich in der psychiatrischen Exploration Hinweise auf eine Panikstörung. Bereits zuvor erhobene Bildbefunde des Gehirns hatten keinerlei krankhafte Veränderungen an den Tag gebracht, ein weiteres EEG ergab erneut, ebenso wie die kardiologische Abklärung, einen unauffälligen Befund. In den Blutuntersuchungen fand sich kein Hinweis auf eine Stoffwechselstörung, Schilddrüsenerkrankung oder andere erklärende organische Ursachen.
Nach Gesprächen mit der Patientin, auf ihren Wunsch teilweise im Beisein der besorgten Familie, konnte die Diagnose einer generalisierten Angststörung mit Panikattacken gestellt werden. Im Rahmen der Gespräche war der Patientin sehr wichtig, die Diagnosefindung im Detail zu verstehen: Sie wollte ganz sicher sein, dass nicht vielleicht doch eine seltene organische Erkrankung übersehen worden war.
Schließlich wurden die antikunvulsiven Medikamente langsam ausgeschlichen und eine neue Medikation mit einem angstreduzierenden Medikament (SNRI) begonnen. Im Fall dennoch auftretender Panikattacken wurde eine Notfallmedikation etabliert. Psychotherapie sollte mittel- bis langfristig die Panik hintanhalten und ihr so hoffentlich in Zukunft ein angstfreies Leben ohne Medikamente möglich machen. Weiteren fachärztliche Kontrollen waren in ihrem Heimatland vorgesehen.

