Ein Gehirntumor ist eine krankhafte Gewebeneubildung im Schädel, die gesundes Hirngewebe verdrängt oder zerstört. Betroffene bemerken typischerweise Kopfschmerz, epileptische Anfälle, Vergesslichkeit, Wesensveränderungen, Lähmungen oder Empfindungsstörungen. Die Diagnose erfolgt nach eingehender neurologischer Untersuchung durch bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT). Die Therapie richtet sich stark nach Typ und Lokalisation.
Was ist ein Gehirntumor?
Ein Gehirntumor (Hirntumor, Gehirngeschwulst) ist eine Ansammlung abnormer Zellen im oder um das Gehirn. Diese Zellen wachsen unkontrolliert und können die normale Hirnfunktion beeinträchtigen, wenn sie auf umliegendes Gewebe – zum Beispiel Nerven oder Blutgefäße – drücken.
Traditionell werden intrakranielle Tumore, die ihren Ursprung nicht in Nerven- oder Gliazellen nehmen, wie zum Beispiel die von den Gehirnhäuten ausgehenden Meningeome, nicht zu den Hirntumoren gezählt. In dieser Übersicht ist ihre Einbeziehung wegen der sehr ähnlichen Beschwerden freilich sinnvoll.
Eine Besonderheit jedes Tumors im oder um das Gehirn ist, dass er in einem vom Schädelknochen geschlossenen Raum mit starrer Begrenzung wächst. Wenn der Tumor an Größe zunimmt, muss daher das den Tumor umgebende Gewebe nachgeben – der Knochen kann es nicht. Außerdem entsteht um den Tumor meist eine Gewebeschwellung (Ödem), die den Druck innerhalb der Schädelkapsel weiter erhöht und so die Symptomatik verstärkt. Bei Hirntumoren ist deshalb nicht nur die direkte Zerstörung des Gewebes durch Tumorwachstum, sondern auch die Reaktion des umgebenden Gewebes wichtig.
Das Gehirn ist an der Schädelkapsel nicht festgewachsen sondern schwimmt in einer Flüssigkeit, dem Liquor (Nervenwasser). Die Raumforderung des Tumors kann besonders in fortgeschrittenen Stadien die Liquorräume verengen und so zu Störungen der Liquorzirkulation und einem Anstieg des Gehirndrucks führen.
Typische Symptome
Typische Symptome des erhöhten Hirndrucks sind:
- Kopfschmerz
- Übelkeit / Erbrechen
- Müdigkeit
Weitere häufige Symptome sind:
- Krampfanfälle
- Wesensänderung
- Sehstörungen
Die weiteren Symptome eines Hirntumors können je nach genauem Ort, Größe und Wachstumsgeschwindigkeit des Tumors sehr unterschiedlich sein und hängen davon ab, wo genau die Funktion von Gehirnzellen oder ihre Blutversorgung geschädigt wird. Manche Symptome entwickeln sich allmählich, andere treten plötzlich auf. Häufige sonstige Krankheitszeichen sind:
- Vergesslichkeit
- Sprachschwierigkeiten
- Hörprobleme
- Schwäche in Armen oder Beinen
- Missempfindungen
- Schwindel / Gangunsicherheit
Gutartige versus bösartige Tumore
Der wesentliche Unterschied zwischen gutartigen (benignen) und bösartigen (malignen) Hirntumoren liegt in ihrer Wachstumsgeschwindigkeit und ihrem Verhalten gegenüber umliegendem Gewebe.
Während gutartige Tumore langsam verdrängend wachsen und vom umgebenden gesunden Gewebe klar abgegrenzt sind, wachsen bösartige Tumore schneller und infiltrieren das umgebende Gewebe.
Dementsprechend ist die Prognose maligner Tumore schlechter.
Arten von Hirntumoren
Hirntumore werden in primäre und sekundäre (metastatische) Tumore unterteilt.
Primäre Hirntumore
Diese Tumore entstehen im Gehirn selbst. Häufige Formen primärer Hirntumore sind:
| Gehirntumor Typ | Beschreibung |
| Gliom | entwickeln sich aus Gliazellen, die Nervenzellen stützen |
| Meningeom | entstehen aus den das Gehirn umgebenden Hirnhäuten, meist gutartig |
| Hypophysentumor | in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), beeinflussen Hormonspiegel |
| Medulloblastom | häufig bei Kindern, meist bösartig |
| Akustikusneurinom | Ursprung im Hör- und Gleichgewichtsnerv, meist gutartig |
Weitere primäre Gehirntumore sind:
- Astrozytom
- Ependymom
- Neuroblastom
- Lymphom im Zentralnervensystem
- Pinealom
- Gangliogliom
- Liponeurozytom
- Plexuspapillom
- Plexuskarzinom
- teratoider / rhabdoider Tumor
Sekundäre (metastatische) Hirntumore
Metastasen sind Absiedlungen eines Tumors in einem anderen Organ. Bei Metastasen im Gehirn geschieht die Metastasierung meist über den Blutstrom. Beispielsweise treten sekundäre Hirntumore auf, wenn Zellen eines Lungen- oder Brustkarzinoms in das Gehirn gelangen. Mitunter können sich Tumorzellen von einem anderen Körperteil im Gehirn ausbreiten noch bevor sie überhaupt im Ursprungsorgan bemerkt wurden.
Wer ist betroffen?
Hirntumore können Menschen jedes Alters betreffen, von Kindern bis zu älteren Erwachsenen. Männer haben ein höheres Risiko für Gliome, Frauen ein höheres Risiko für Meningeome.
Wie häufig sind Gehirntumore?
An primären Gehirntumoren einschließlich gutartiger Formen erkranken jährlich etwa 11 von 100.000 Menschen. Die häufigste bösartige Form ist das Glioblastom mit 4 Fällen pro 100.000 Personen. Bei Kindern sind Hirntumore die zweithäufigste Krebserkrankung.
Hirnmetastasen sind bei Erwachsenen die häufigsten Tumore des Gehirns und treten jährlich bei ca. 15 von 100.000 Personen auf. Primärtumore von Hirnmetastasen sind vor allem Tumore in Lunge, Brust, Haut, Dickdarm und Niere.
Ursachen von Hirntumoren
Eine Reihe von Faktoren kann das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken, erhöhen:
- genetische Mutationen
- familiäre Vorbelastung
- Exposition gegenüber hohen Strahlungsdosen
- geschwächtes Immunsystem
Für Gliome im Speziellen besteht leider für Menschen mit höherem Bildungsniveau ein größeres Risiko. Das bedeutet nicht, dass Bildung krebserregend ist! Man nimmt vielmehr an, dass die Gehirnzellen intelligenter Personen in ihrer Jugend besonders aktiv sind, sei es im Stoffwechsel oder der embryonalen Zellteilungsrate. Der Gewinn dieser gesteigerten Zellaktivität ist spätere höhere Intelligenz, der Preis aber ein höheres Risiko für Mutationen und Gehirntumore – unabhängig von der schulischen oder universitären Ausbildung.
Ferner gibt es seltene genetische Syndrome wie die Neurofibromatose, tuberöse Sklerose oder das Li Fraumeni Syndrom, bei denen es gehäuft zu Hirntumoren kommt.
Wie werden Gehirntumore diagnostiziert?
Eine frühzeitige und genaue Diagnose ist für eine wirksame Behandlung unerlässlich. Zuerst werden i.R. einer ausführlichen Anamnese alle Symptome genau erfragt. Im Anschluss erfolgt eine eingehende neurologische Untersuchung des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Sprache, der Sinneswahrnehmungen und aller Facetten der Motorik und des Gleichgewichts. Schließlich nutzen Neurologen bei entsprechendem Verdacht eine Kombination moderner Bildgebungsverfahren:
- Magnetresonanztomographie (MRT)
- Computertomographie (CT)
- Positronenemissionstomographie (PET)
- Single Photon Emissions Computer Tomographie (SPECT)
Während MRT und CT die genaue Lage und Größe des Tumors erkennen lassen, wird mittels PET und SPECT die Stoffwechselaktivität gemessen. Ein aktiverer Stoffwechsel deutet auf einen bösartigeren Tumor.
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnosen sind andere Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden verursachen oder in der Bildgebung (MRT, CT) ähnlich aussehen können und daher ausgeschlossen werden müssen. Dies sind insbesondere:
- Schlaganfall
- Gehirnblutung
- Multiple Sklerose
- Hirnabszess
Behandlung von Gehirntumoren
Nach Sicherung der Diagnose ist die Wahl der passenden Therapie der nächste Schritt. Hierfür sind Art, Lokalisation und Größe des Tumors, der Allgemeinzustand des Patienten sowie individuelle Wünsche des Betroffenen ausschlaggebend.
Operation
Ziel jeder Operation ist es, den Tumor möglichst vollständig zu entfernen, ohne dabei wichtige Gehirnfunktionen zu stören. Der Eingriff ermöglicht zudem, im Mikroskop noch während der Operation den genauen Typ des Tumors zu bestimmen. Bei gutartigen oder prognostisch günstigen Tumoren kann eine Operation und anschließende Verlaufskontrollen ausreichend sein.
Strahlentherapie
Die Strahlentherapie kommt oft zum Einsatz, wenn ein Tumor operativ nicht vollständig entfernt werden kann oder prognostisch ungünstig ist. Neben der klassischen Bestrahlung mit Röntgenstrahlen gibt es spezielle Bestrahlungsverfahren wie die Protonentherapie oder eine kleinräumig fokussierbare Gamma Knife Bestrahlung.
Chemotherapie
Chemotherapien werden ergänzend zur Operation und Strahlentherapie eingesetzt, insbesondere bei bösartigen Tumoren. Je nach Tumortyp werden unterschiedliche Substanzen eingesetzt, welche die Tumorzellen chemisch zerstören. Eine Chemotherapie kann parallel oder auch nach der Bestrahlung verabreicht werden.
Weitere medikamentöse Therapien
Bei Gehirntumoren ist Cortison Standardmedikament zur Reduktion des tumorbedingten Ödems, da es abschwellend wirkt und so den Druck in der Schädelhöhle senkt. Im Fall einer durch Chemotherapie bedingten Übelkeit werden Antiemetika gegeben, bei epileptischen Anfällen Antikonvulsiva.
Immuntherapie
Immuntherapie ist eine Behandlungsmethode, die das Immunsystem gezielt stimuliert und so den Körper im Kampf gegen den Tumor unterstützt. Obwohl sie bei der Behandlung von Hirntumoren bisher weniger erfolgreich war als bei anderen Krebsarten, wird die Forschung auf diesem Gebiet fortgesetzt.
Weitere Ansätze
Bei Menschen mit Glioblastom, einer hochgradig bösartigen Form von Gliom, ist die zusätzliche Behandlung mit elektrischen Wechselfeldern eine neue Therapieoption.
Für eine erfolgreiche Behandlung ist die enge Kooperation von Neurologie, Neurochirurgie, Onkologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie ausschlaggebend.
Prognose
Die Prognose hängt von folgenden Faktoren ab:
- Tumorart
- Wachstumsrate
- Lage im Gehirn
- allgemeiner Gesundheitszustand des Patienten
Der sogenannte WHO-Grad beschreibt Tumorart und Wachstumsrate genauer: Er bemisst, wie stark sich die Tumorzellen von gesundem Gewebe unterscheiden und wie häufig sie sich teilen. Während gutartige Tumore (WHO I + II) oft heilbar sind, haben bösartige Tumore wie das Glioblastom (WHO IV) eine schlechte Prognose mit einer mittleren Überlebenszeit von nur 15 Monaten.
Spätfolgen und Komplikationen
Hirntumore können Depressionen verursachen, sowohl direkt durch Druck auf Hirnareale (besonders den Frontallappen) als auch in Reaktion auf die Diagnose. Angst, Apathie und chronische Tagesmüdigkeit sind weitere mögliche Folgen die selbst nach erfolgreicher Behandlung persistieren können und maßgeschneiderte Therapien erfordern.
Leider können auch viele der eingangs beschriebenen Symptome eines Hirntumors langfristig bestehen bleiben, besonders bei später Diagnose oder bösartigen Geschwulsten.
Wann sollte man einen Neurologen aufsuchen?
Sie sollten einen Neurologen konsultieren, wenn Sie an unerklärlichem Kopfschmerz, Krampfanfällen, Tagesmüdigkeit oder Seh- oder Hörstörungen leiden. Ebenso sind eine ihnen unerklärliche Wesensveränderung, Vergesslichkeit, Sprachschwierigkeiten, Schwäche oder Missempfindungen Grund für eine fachärztliche Abklärung.

